von Peter Peuker


2
Wenn wir mit unseren Kindern in schwedische Wälder Campen gefahren sind oder haben Paddeltouren unternommen, dann mussten wir natürlich auf sie besonders Rücksicht nehmen. Denn Kinder sind unbefangen und gehen sorglos bei ihren Aktivitäten vor. Und es ist schon etwas anderes für mehr oder weniger längere Zeit Draußen unterwegs zu sein, als sich in einem technisch überprüften sowie „überwachten“ Terrain zu bewegen. Outdoorurlaub mit Kindern ist aber nicht gefährlicher als andere gemeinsame Unternehmungen. Überall können für Kinder Gefahren laueren, im Straßenverkehr, beim Toben in der Nachbarschaft und anderswo. Die Eltern müssen die Gefahren kennen und die Kinder darauf aufmerksam machen, können sich aber auch dann nicht aus der Verantwortung begeben. Wichtige Voraussetzungen um bei Outdooraktivitäten mit Kindern als Eltern verantwortungsvoll sowie vorausschauend zu handeln sind, dass man selbst ein ausreichendes Maß an Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzt. Und zwar müssen diese in dem Outdoorbereich vorhanden sein, in dem man sich mit den Kindern bewegen möchte. Selbstverständlich müssen auch die Kinder auf die geplanten Aktivitäten vorbereitet werden und in der physischen und psychischen Verfassung sein, die dazu erforderlich ist. Aus Überforderungssituationen entstehen dann unter Umständen tatsächlich gefährliche Momente mit fatalen Folgen.
Bei der Querung eines Sees bin ich vor Jahren mit meinem Sohn Richard, er war damals neun, in einen plötzlich aufkommenden Sturm geraten. Er paddelte im Kinderkajak, ich mit dem Solokanadier. Je weiter wir über den See kamen umso heftiger wurde der Wind. Eigentlich ging es nur noch darum unbeschadet das rettende Ufer zu reichen. 1Bis dahin waren es aber noch gut 300 – 400 m. Der Sturm machte ein steuern unmöglich und die Gefahr bestand, dass er uns quer zu Wind und Wellen drückte und wir kenterten. Richard war anzumerken, dass bei ihm von Sekunde zu Sekunde immer mehr die Angst Oberhand gewinnen wollte und bei mir stieg natürlich die Angst um Richard. Ich hatte im Soloboot selber zu kämpfen und konnte ihm nur durch heftiges Zureden helfen. Für ihn war diese Situation an der Grenze seiner physischen und psychischen Belastbarkeit. Zum Glück war Richard kein Paddelneuling, konnte schwimmen und hatte eine Schwimmweste an.
Er behielt seine Nerven wurde nicht panisch und wir erreichten am gegenüberliegenden Ufer den Schutz des dort vorhanden Schilfgürtels. Im Nachhinein beurteile ich die Situation als eine Fehleinschätzung bzw. Leichtfertigkeit von mir, denn schon als wir auf den See raus paddelten war am südwestlichen Himmel ein langer gerader Wolkenabriss zu sehen an dem hätte ich erkennen müssen, dass ein heftiger Wind aufkommen wird. Gefahrensituationen werden vor allem auch durch klare Absprachen zwischen Eltern und Kindern, der Anerkennung der Autorität der Eltern sowie durch Verlässlichkeit und gegenseitigem Vertrauen vermieden. Wozu es führen kann, wenn klare Absprachen nicht erfolgen möchte ich im folgenden Beispiel schildern.
Es passierte an einem super klaren norwegischen Bergsee im Romsdalen. Wir saßen vor dem Zelt. Richard fragte mich ob er mit Angel und Wathose auf Fischzug gehen kann. „Gut, geh schon mal runter zum See ich komme gleich nach“. Den Satz hatte ich noch nicht zu Ende gesprochen, da war Richard schon mit allen Utensilien auf und davon. 10 Minuten später ging ich hinterher, in der Erwartung ihn unten am Wasser anzutreffen. Doch dort war Richard nicht. Ich suche das Ufer ab. Rechts bildet der See eine größere Bucht. Da, auf der anderen Uferseite in 400 m Entfernung sehe ich ihn mit Angel und Wathose schon Bauchtief im Wasser stehen. Meine Rufe werden vom Wind verschluckt. Er kann mich nicht hören. Ich bin verärgert und denke: ‚Na warte, das gibt verdammten Ärger. Schon in Härjedalen beim Abstieg in sehr steilem Gelände mitten im Busch gab es Stress mit dir. Jetzt hältst du dich schon wieder nicht an die Abmachung.’ Abmachung! Gab es überhaupt eine konkrete Abmachung?
Um schnell zu ihm zu gelangen, entscheide ich mich für den kürzesten Weg quer über die Bucht. Also laufe ich hoch zum Zelt und hole den Kanadier. 3 Minuten später bin ich wieder zurück, aber Richard ist nicht mehr zu sehen. Bestimmt ist er um die Landzunge herum und angelt inzwischen auf dieser Uferseite außer Sichtweite. Mit schnellen Paddelschlägen komme ich über die Bucht. Das Ufer ist hier zunächst sehr flach dann fällt der Seegrund steil in die Tiefe. Bei diesem klaren Wasser mit einer Sichttiefe von mehr als 4 m kann man sich mit der Wassertiefe schnell verschätzen, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf. Ein Fehltritt beim Angeln mit Wathose kann da fatal enden. Die Hose läuft mit Wasser voll und dann …… . Den weiteren Gedankengang wische ich lieber aus meinem Kopf fort. Richard ist nirgends zu sehen. Ich paddle um die Landzunge herum. Dort schließt die nächste Bucht an und nach dieser folgt die nächste usw. Das Ufer ist sehr unübersichtlich und besteht zum größten Teil aus Moor. Meine Rufe bleiben 3ohne Antwort. Mir wird von Minute zu Minute flauer im Magen. Vom Boot aus hat die Suche offensichtlich keinen Erfolg. Also paddle ich zurück und schnappe mir Richards Mountainbike. In Ufernähe verläuft ein Pfad den ich nutzen kann. Rufen, horchen, weiter fahren. Aber ich bekomme keine Antwort. Langsam werden meine Knie weich und mich befällt eine körperliche Mattheit. Im Kopf laufen die Gedanken Amok. Wie viel Zeit ist seit Richards Verschwinden eigentlich schon vergangen? Längst hätte ich ihn finden müssen oder aber er sollte schon wieder zum Zelt zurück sein. Es muss etwas passiert sein, das steht in diesen Augenblicken für mich fest.
Mit meiner Frau Karin paddele ich noch einmal am Ufer entlang. Wir suchen nun auch den Seegrund ab. Die Situation war wie in einem Alptraum.
Wie ging die Sache aus? Als wir zurück kamen stand Richard am Ufer. Von unserer Tochter Julia hatte er schon erfahren welche Aufregung es wegen ihm gibt. Entsprechend war auch sein Gesichtsausdruck.
Die Angelegenheit hatte natürlich Konsequenzen. Eine davon erfolgte umgehend.
Richard war damals 13 Jahre und vorausschauendes Denken zur Tragweite seines Handelns konnte von ihm nicht erwartetet werden. Dass er in so kurzer Zeit eine so große Distanz zurück legte und 3 Buchten weiter angelte, hatte wiederum ich nicht erwartet. Jedenfalls zeigt der Vorfall wie wichtig klare Absprachen und Festlegungen zu den „W’s“ (was, wo, wie, wann, wer, wohin, wie lange ...) sind.
Auch wenn ich hier zwei Negativbeispiele geschildert habe, so stehen diese in keinem Verhältnis zu den vielen, vielen positiven, schönen und unvergesslichen Outdoorurlaub-Erlebnissen, die wir mit unseren Kindern in den zurückliegenden Jahren hatten. Das Ziel bestand lediglich darin, interessierten Familien von unseren Erfahrungen zum Wildnisurlaub mit Kindern zu berichten.

(Touren)