Übern Tjäktjapass durch Schwedisch Lappland
- eine Bergwanderung von Abisko nach Nikkaluokta -

von Peter Peuker

Fotos: Karin Simke und Peter Peuker

 

Reiseberichte.com  

Ende Juli 2008 fahren wir durch Lappland Richtung Norden, unsere Lieblingshimmelsrichtung, bis nach Abisko. Abisko, das sind ein kleiner Ort, eine Landschaft und ein Nationalpark. Der Name leitet sich aus der samischen Sprache ab und bedeutet so viel wie „Wald am Meer“. Das Meer ist der Nordatlantik, der nur wenige Kilometer auf norwegischer Seite entfernt liegt, und der Wald besteht hier aus nur wenige Meter hohen Fjällbirken ( Betula pubescens subsp. tortuosa ). Hier wollen wir auf eine 110 km lange Wandertour mit Rucksack und Zelt durch das schwedische Hochfjäll starten. Wird unsere Kondition ausreichen? Wie wird das Wetter sein? Das waren so ein paar Fragen, die uns im Vorfeld beschäftigten. Schließlich ist es keine Tour bei der man zwischendurch in einen Bus einsteigen kann, um sich zum Auto zurückfahren zu lassen. Keine Ortschaften, keine Straßen und in alle Richtungen kommt man nur zu Fuß weiter. Und das ist das Schöne an solchen Touren, denn alles muss man sich mit eigener Muskelkraft erarbeiten bzw. verdienen.

 

Tourenkarte

 

1. Tag (15 km, Abisko - Abiskojaurestugorna)

Auf dem Parkplatz der Abisko Touriststation fanden wir noch einen Stellplatz fürs Auto und so um 16:30 Uhr startet unser kleines Abenteuer. Da es zu dieser Jahreszeit nicht dunkel wird, stellt die späte Nachmittagsstunde kein Problem dar, um noch im hellen ans Ziel zu gelangen.
Unser Trail verläuft auf dem Kungsleden, dem wohl bekanntesten schwedischen Wanderpfad, in Richtung Süden. Insgesamt 6 Berghütten (Stugorna), die vom STF (Svenska Turistföreningen) unterhalten werden, liegen auf den kommenden 110 Kilometern.
Zunächst geht es am Cañon des Flusses Abiskojåkka (Ábeskoeatnu*) entlang, was schon mal als ein landschaftliches Highlight der Tour bezeichnet werden könnte. Obwohl, um ehrlich zu sein, Highlights werden wir in den kommenden Tagen noch sehr viele erleben.


Ein sehr bekanntes Fotomotiv der Cañon des Abiskojåkka.

Auf den ersten Kilometern begegnen wir noch so einigen Kurzwanderern, die von Abisko einen Rundkurs gehen. Durch Fjällbirkenwald und vom Rauschen des Abiskojåkka begleitet geht es weiter. Der Pfad ist hier noch ganz gut begehbar, nur der Rucksack beginnt langsam zu ziehen und zu drücken. Karin ist mit 17 kg beladen und ich mit 22 kg, das ist ganz ordentlich und eigentlich vom Gewicht schon grenzwertig. Auf offenen Moor- und Kahlflächen eröffnet sich uns der Blick auf die ersten von Schneefetzen bedeckten Fjällgipfel.


Abiskojåkka

Den See Abiskojaure (Ábeskojávri*) erreichen wir ca. nach 9 km. Mittlerweile haben wir schon 2 oder 3 Pausen gemacht und bis zum Tagesziel den Abiskojaurestugorna (Abiskojaurehütten) sind es noch 4 km. So allmählich merken wir, dass ein langer Reisetag hinter uns liegt und die Rucksäcke werden auch nicht leichter. Dann taucht in der Ferne überm Birkenwald die Hüttenfahne auf, von der wir magisch angezogen werden, was die Erhöhung unserer Marschgeschwindigkeit bewirkt. Ein kleiner Abstieg, eine Hängebrücke und wir sind da. Als erstes werfen wir die Rucksäckle ab und holen tief Luft. Um ehrlich zu sein, wir würden jetzt nicht behaupten, dass die erste Etappe ein „Kinderspiel“ war. Aber es wird von Experten ja gesagt, dass sich der Körper von Tag zu Tag an diese Belastung gewöhnen wird. Wir sind auf Grund dieser Expertenbehauptung hoffnungsvoll. Nachdem wir von der Hüttenwartin (nicht Wirtin) in Empfang genommen wurden, unser Zelt aufgebaut ist und uns ein kulinarisches Nudelgericht haben schmecken lassen, denn auf der gesamten Tour sind wir Selbstversorger, gehen wir an den Strand. Nein, das ist kein Scherz oder erste Anzeichen eines Wanderkollapses. Es gibt hier wirklich einen Sandstrand. Allerdings ohne Sangria-Eimer-Partys, geölte Strandluder und deutsch wird auch nicht gesprochen. Gesprochen wird hier eigentlich überhaupt nicht, weil nämlich keiner da ist der spricht. Außer uns natürlich, zum Sprechen sind wir aber ehrlich gesagt zu müde. Darum geht es nach dem Strandausflug in die Schlafsäcke, obwohl es ja noch gar nicht dunkel ist, was es hier sowieso nicht wird.

(* dies sind die auch auf Fjällkarten verzeichneten samischen Namen)

 


Lapplandsstrände könnte man eher als "leer" charakterisieren.

 

2. Tag (23 km, Abiskojaurestugorna - Alesjaurestugorna)

Die halbe Nacht habe ich in so einem Pseudoschlaf verbracht. Kennt wohl fast jeder, irgendwie geschlafen und irgendwie auch nicht. Aber, dass ich müde aus dem Zelt gekrochen bin, kann ich auch wiederum nicht sagen. Nach einem Morgensüppchen sitzen die Rucksäcke wieder auf unseren Rücken, um sich durchs Fjäll schleppen zu lassen.


Aufbruch Richtung Aufstieg

Die heutige Etappe hat es in sich. Abgesehen von der Streckenlänge geht es rauf ins Hochfjäll oberhalb der Baumgrenze, die hier so bei 600 – 700 m liegt. Der Trail durchs Birkenfjäll ist nicht lang und dann sehen wir vor uns bzw. über uns schon den Aufstiegsweg. Zwischen den Bergen Giron (samisch: Schneehuhn), 1.543 m, und dem Gårddenvárri, 1.154 m, geht es nach oben und dazu noch besser als ich es gedacht hätte. So konditionslos sind wir dann wohl doch nicht. Was zur echten Anstrengung wird, ist der immer steiniger werdende Pfad. Jedoch, die sich nach relativ kurzer Wegstrecke veränderte Landschaft ist grandios, für dieses Bergpanorama hat sich die Anstrengung gelohnt. Dazu spielt auch noch das Wetter mit. Am blauen Himmel hängen ein paar Quellwolken und es ist warm.

 

Alle 2- 3 km machen wir eine Pause, setzen die Rucksäcke ab, ziehen die Schuhe aus und was besonders wichtig ist, wir trinken viel Wasser. Die Trinkflaschen kann man bedenkenlos an kleinen Bächen auffüllen. Wir bewegen uns nun so auf 800 m ü. NN und vor uns taucht eine Gebirgsseenkette mit blaugrünem Wasser auf.


Fjällsee Rádujávri

Weit, weit in der Ferne glitzert der Alesjaure (Alisjávri), an dessen Ende unser Ziel liegt. Bis dahin ist es aber noch ein sehr langer Weg von ca. 12 – 13 km.
Ganz alleine sind wir hier nicht unterwegs. Eine Gruppe Pfadfinderinnen kommt uns entgegen. Die letzte aus der Gruppe scheint leicht lädiert zu sein und schleppt sich humpelnder Weise durchs Fjäll. Ein oder zwei Mal werden wir auf der gesamten Tour noch anderen hinkenden Fjällwanderern mit Kniemanschetten begegnen.
Am See Alesjaure nehme ich im eisigen Wasser ein reinigendes Bad oder besser gesagt sehr kurze Tauchgänge. Hier gibt es tatsächlich einen kleinen Bootsanleger. Das Boot muss wohl mit dem Helikopter oder im Winter auf dem Schnee ins Fjäll rauf transportiert worden sein. Für stolze 200 SEK kann man sich damit 5 km über den See zu den Alesjaurestugorna schippern lassen. Aber wer macht das schon, nur Weicheier. Für uns kommt das selbstverständlich nicht in Betracht. Wir absolvieren vom Start bis zum Ziel alles aus eigener Kraft.


Bootsanleger am Alisjávri

Auf der Ostseite des Sees stehen die Häuschen des Samendorfes Alisjávri, das sicher nur in der Zeit der Rentierscheidung und Schlachtung voll bewohnt ist. Auf alle Fälle sind wir auch auf uralten Pfaden der Samis unterwegs, denn sie sind gleichfalls auf den Trecks mit ihren Rentieren zu den verschiedenen Weidegründen durch diese Täler gezogen. Kurz vor dem Tagesziel wird es noch mal so richtig moderig. Macht nichts, denn wir haben noch ordentlich Restpower.


Tagesziel, die Alesjaurestugorna liegen zum greifen nah


Am Ufer des Flusses Aliseatnu ca. 200 m von den Alesjaurehütten entfernt, finden wir einen herrlichen Stellpatz für unser Zelt. Die Restpower ist mittlerweile auch gänzlich verbraucht und muss zunächst aufgeladen werden. In der Hüttenküche bereiten wir uns ein Nudelgericht und werden in der Raumwärme langsam schläfrig. Am Nachbartisch unterhalten sich 2 Dänen und ein Engländer ungezügelt laut, für alle zum Mithören. Na kein Wunder, denn hinter uns, am entgegengesetzten Ende des Raumes, sitzen 5 junge blonde Schwedinnen. Eine bekommt gerade von ihrer Freundin eine Schultermassage. Auch mein bettelnder Blick hilft da nicht, er bleibt ungehört. Die Massage bekomme ich nicht. Müde begeben wir uns in Richtung Zelt. Zum Glück warten dort zwei warme Daunenschlafsäcke auf uns, weil es nämlich ganz schön frisch geworden ist. Gute Nacht!


3. Tag (18 km, übern Tjäktjapass)


Morgen am Aliseatnu

Die Morgenwäsche findet im Fluss Aliseatnu statt, der direkt vor unserer Zelthaustür liegt. Auch wenn das Wasser wirklich eiskalt ist, muss es sein. Die herrlich klare Morgenluft und der lappländisch blaue Himmel lässt uns die Kälte des Wassers ganz gut ertragen. Schnell merken wir, dass die Mücken ebenfalls schon erwacht und dazu noch hoch erfreut über unsere Morgentoilette sind. „Ja, da kann man schon morgens ein Schlückchen „Roten“ zu sich nehmen.“ ist deren Tagesparole.
Unser Etappenziel soll heue die Tjäktjastugan sein, die nur 13 km entfernt liegt. Auf diesem Trail geht es problemlos durch das Tal „Alisvággi“ entlang der 860 m Höhenlinie. Erst auf den letzten 2 km kommt ein ordentlicher Anstieg hoch auf die 1000 m Marke.
Erbarmungslos knallt die Sonne vom Firmament. Uns läuft der Schweiß, wir trinken viel und sind häufig dabei, unsere Trinkflaschen an Bächen und Rinnsalen zu füllen. Schattige Plätze sind hier absolute Mangelware. Für unsere Pausen setzen wir uns Zielpunkte, die meist in großen Felsen bestehen. Denn dort besteht Hoffnung auf ein bisschen Schatten und Kühle.


Schattenstein

 


Trinken ist wichtig! Sauberes Wasser gibt es an jedem Bächlein.

 


Carl von Linné: "Ich hielt dieses Schauspiel nicht für das kleinste Mirakel der Natur,
und welcher Bewohner eines anderen Landes sollte nicht wünschen, solches zu sehen?"
(Lappländische Reise)

Der Šielmmánjira, ein rauschender Bach, kreuzt unseren Weg und lädt zur Mittagspause ein. Nach Tomatensuppe und ein paar Müsliriegeln geht es gestärkt weiter. Der Bach muss durchwatet werden. Er ist zwar etwas breiter, führt aber nur wenig Wasser. Von Stein zu Stein und auch mal mit den gut gewachsten Schuhen durchs flache Wasser, suchen wir uns jeder seine Furth. Der Aufstieg zur Tjäktjastugan kommt gleich nach der Watstelle.


Rast am Šielmmánjira

Offensichtlich wird unsere Kondition immer besser, weil wir den Anstieg ohne Pause durchmarschieren können. Ich überlege, ob es nicht sogar möglich wäre, noch heute den Tjäktjapass zu übersteigen. Es ist 15:00 Uhr und bis rauf zum Pass sind es vielleicht noch 3,5 oder 4 km. Zwar wird es bis dahin weiter bergauf gehen, aber nur noch die letzten 200 -300 m sind laut Fjällkarte wieder steiler. Nachdem Karin meiner Idee zustimmt, setzen wir diese nach einer kurzen Rast in die Tat um.
Der vor uns liegende Tjäktjapass ist mit 1.150 m ü. NN der höchste Punkt unserer Wanderung. Er trennt die Täler Alisvággi im Norden und Tjäktjavagge (Ceakcavaggi) im Süden und wurde mit Sicherheit in alten Zeiten auch auf den Wanderungen der Samis mit ihren Rentieren überstiegen.
Kontinuierlich geht es nach der Rast in Richtung Tjäktjapass bergan. Vor uns breitet sich ein schier endloses Geröllfeld aus. Eine außerirdisch anmutende Landschaft, in der es nur Felsenbrocken und Klappersteine zu geben scheint. Jeder Schritt zwischen den Steinen muss kontrolliert erfolgen. Hauptsache wir verstauchen uns hier nicht die Beine oder es passiert gar noch was Schlimmeres. Der Weg wird wirklich zu einer kleinen Tortur und der Pass ist immer noch nicht in Sichtweite. Unsere Wanderstöcke leisten in diesem Gelände wieder einmal sehr gute Dienste. Auf den Schneefeldern weiter oben sehen wir die ersten Rentiere der Tour. Bei der Hitze finden sie dort Kühlung und Zufluchtsorte vor den Mücken. Endlich kommt der Pass in Sicht und das verleiht uns noch mal einen Energieschub. Trotzdem sind es noch gute 1 – 1,5 km bis dort hin und direkt davor kommt noch ein steiler Aufstieg .
Unmittelbar vor dem letzen Kraftakt werfen wir unsere Rucksäcke vom Rücken. Irgendwie hat die Natur hier einen Meditationsplatz für erschöpfte Fjällwanderer geschaffen. Eine göttliche Wiese. Jeder nimmt ein paar Müsliriegel zu sich und dann geht es los, um den Anstieg hinter uns zu bringen. Schön schräg am Hang entlang, da ist es nicht zu steil, noch ein Schneefeld und zack, oben sind wir. Man, man wir haben es geschafft.
Oben angekommen inspizieren wir die Schutzhütte, die hier wegen der oft herrschenden heftigen Stürme mit Seilverspannungen im Fels verankert wurde. Die Geborgenheit der Hütte sollte aber wirklich nur im „Notfall“ in Anspruch genommen werden.


Passhöhe 1.150 m über NN


Auf der anderen Seite des Tjäktjapasses: Tal "Tjäktjavagge"


Wir sehnen uns danach, diesen langen und anstrengenden Wandertag zu beschließen. Auf der anderen Seite erschließt sich uns ein herrliches Bergpanorama mit dem Tal „Tjäktjavagge“ im Zentrum. Der Mensch erscheint hier ganz winzig und unbedeutend, ehrfurchtsvoll sind wir beim Anblick dieser gewaltigen Landschaft.
Als wir den steilen Abstieg auf der Südseite des Passes sehen, sind wir ehrlich gesagt unheimlich froh, dass es für uns hier runter und nicht rauf geht. So ca. 100 Meter weiter unten gibt es viele schöne Stellplätze für unser Zelt, wir brauchen also nicht lange suchen.


Camp unterhalb des Tjäktjapasses

Ja, diese Berge müssen uns wirklich richtig Kraft gegeben haben, wie es sprichwörtlich heißt, denn das Einrichten des Camps geht ganz flott.
Wir wundern uns selbst.
Ein Tag, dem wir viel zu verdanken haben. Mit einem Schlückchen Rum im Tee stoßen wir auf uns an.


4. Tag (17 km, Tjäktjapass – Mádir)

Lappländisches Fjällpanorama im Tjäktjavagge
(Blickrichtung Süd - Nord, ganz am Ende ist in der Mitte der Tjäktjapass zu sehen)

Links und rechts vom Tal Tjäktjavagge stehen aufgereiht Gipfel, deren samische Namen Geargeoaivi, Sealggá, oder Guobircohkka lauten. Zwischen diesen Bergen liegen Seitentäler, die in einsame Fjällregionen führen. Nach dem Abstieg vom Pass beginnt das Tjäktjavaggi bei ca. 900 m Höhe und fällt nach 18 km auf etwa 700 m ü. NN bei den Singistugorna. Die das Tal einfassenden Berge erreichen Höhen bis fast 1.800 m.

Die Nacht auf 1000 m unterhalb des Tjäktjapasses brachte für mich den ersten erholsamen Schlaf der Tour. Schon relativ früh sind wir raus aus den Schlafsäcken und es folgt der Ablauf wie jeden Morgen. Waschen im Bach, kleines Frühstück und Abbau des Camps.


im Tjäktjavagge


Seit dem Start in Abisko verwöhnt uns Lappland mit blauem Himmel, warmen Temperaturen und bisher kaum Mücken. Heute geht es nur durchs Tal am Fluss Tjäktjåkka entlang. Gegen Mittag erreichen wir die Sälkastugorna am Fuße des Sälka (Sealggá). Hier treffen wir ein paar Wanderer und können einige Informationen austauschen und Smalltalk halten. Der Hüttenwart erzählt uns, dass in diesem Jahr 2.500 Meldungen zum in ein paar Tagen stattfindenden Fjällräven CLASSIC, einem bekannten Gebirgswanderlauf, eingegangen sind. Solch ein Massenauflauf von Wanderern und Freaks wäre auf gar keinen Fall etwas für uns. Zwei solche Fjäll-Läufer treffen wir an den Hütten bei einer Trainingspause. Auf den 110 km gehören zu ihrer Ausrüstung: Laufanzug, Laufschuhe, Trinkrucksack und GPS. Sie legen die Strecke rennend zurück und brauchen dafür einen guten halben Tag. Ja, wirklich! Es ist kaum zu glauben, aber doch wahr. Wie ich später aus dem web erfahren habe, wurde in diesem Jahr eine Rekordzeit von 12:53'59''erzielt. Nun ja, wir haben für die ca. 60 km vom Start bis hier her 3,5 Tage gebraucht und finden das auch ganz toll. Nach einer Stunde Mittagsrast und einem Imbiss geht es weiter Richtung Süden. Vom Hüttenwart bekommen wir noch den Tipp, auf alle Fälle unser Zelt nicht in der Nähe der Singistugorna aufzustellen. Dort soll nämlich das reinste Mücken Eldorado sein. Wie sich zeigen wird, lohnt es sich immer zu solchen wichtigen Informationen zu kommen.


Sälkastugorna


Hinter den Sälka-Hütten eröffnet sich uns der Blick zum Sealggá-Gletscher auf der rechten Seite. Links können wir wenig später die spitze Silhouette der westlichen Bergflanke des Drakryggen (Drachenrücken) und die Nordwand des Kebnekaise, mit 2.111 m Schwedens höchsten Berg, erblicken.


Sealggá-Gletscher

 


Kebnekaise Nordwand


An der Stromschnelle des Guobirjohka, der von den Gletschern am Kebnekaise gespeist wird, machen wir eine Rast, kochen uns ein Süppchen und wollen danach noch ca. 3 km bis zur Brücke über den Tjäktjajåkka am Fuße des Mádir laufen. Hier begegnet uns wie aus dem Nichts ein Hüne. Wenn wir 3 Schritten machen, macht er wahrscheinlich nur einen. Nachdem der Hüne uns locker überholt hat, biegt er urplötzlich vom Pfad mitten ins Fjäll ab. Ist nach einer Minute unserem Blickfeld entschwunden, um ebenso plötzlich nach 5 Minuten wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. In den Händen, wirklich riesige Pranken, hält er nun zahlreiche Abwurfstangen von weiblichen Rentieren. An der Brücke legt er die Gehörne ab, sagt, dass diese zum Mitnehmen seien und verschwindet so schnell im Fjäll, wie er von dort auftauchte. Könnte das vielleicht ein Troll gewesen sein? Einer von der guten Sorte? In der Hoffnung, von den Gehörnen geht eine positive Energie aus und dann natürlich auf uns über, nehmen wir eine Abwurfstange in unsere Obhut.


Stromschnelle am Guobirjohka , im Hintergrund der Drakryggen (Drachenrücken)

 


Rast an der Stromschnelle des Guobirjohka

Am Fuße des Berges Mádir angekommen, finden wir wieder einen herrlichen Zeltplatz mitten im Fjäll. Das Tal weitet sich hier nach Süden hin auf und erlaubt einen wundervollen Panoramablick in die Fjällwelt. Noch ist die Sonne nicht hinter den Bergen verschwunden, vor uns rauscht eine Stromschnelle des Tjäkjajåkka. „Hier bin ich Mensch hier darf ich‘s sein.“ Lange bleiben wir an diesem einsamen Plätzchen jedoch nicht ungestört. Carl von Linné, der berühmte schwedische Botaniker, soll ja auf seiner damaligen Lappländischen Reise gesagt haben: „Hier liegt das Paradies auf Erden, wenn die Mücken nicht wären.“ Und so ist es auch. Nachdem die Sonne hinterm Mádir verschwunden ist, bricht eine Mückeninvasion auf uns los. Wir sind bei solchen Attacken zwar nicht pingelig, aber irgendwann wird es uns dann doch zu nervig und wir verkriechen uns in die Schlafsäcke.
Der Klügere gibt eben nach.



Samidorf Kårtjevuolle südlich des Mádir

 


Tjäktjajåkka

 


unser kleines Zelt in der Weite des lappländischen Fjälls

 

5.  Tag (15 km, Mádir – Kebnekaise Fjällstation)

Entspannt und ausgeruht sind wir sehr zeitig aus den Schlafsäcken gekrochen. Schon im Vorzelt werden wir von dutzenden Blutsaugern empfangen. Diese wirken äußerst nervös und ungehalten, denn am gestrigen Abend sind sie absolut nicht auf ihre Kosten gekommen. Natürlich ist das durchaus verständlich, denn wir wissen ja selbst, wie es uns mit einem hungrigen Magen geht. Draußen vor dem Zelt vergrößert sich die Schar der Culicidae aus der Familie der Gemeinen Stechmücke. Unsere Antwort auf diesen Überfall ist eine wirksame chemische Keule namens „Mygga“.
In der Nacht ist ordentlich Tau gefallen, so dass unser Zelt erst mal vor dem Verpacken in der Morgensonne abtrocknen muss. Ein verpacktes nasses Zelt bringt einiges an Mehrgewicht im Rucksack und das will ich möglichst vermeiden.


vor dem Aufbruch


Um 08.30 Uhr brechen wir in Richtung Singistugorna auf. Der Pfad geht weiter talabwärts in eine vom Fluss Tjäktjajåkka geschaffene sumpfige Niederung. Überall stehen niedrige Weiden und diese sind ein ideales Versteck für im Partisanenkampf erprobte Moskitos. Jedenfalls erfolgen fortwährend heftig Attacken auf uns. Um dieser Danger Zone zu entkommen, gehen wir in galoppartiges Gehen über. So kommen wir schon eine halbe Stunde später bei den Hütten an, die wie ausgestorben wirken. Niemand ist zu sehen, Fenster und Türen sind geschlossen. Na, kein Wunder in diesem für Warmblüter unwirtlichen Gebiet. Beim Hüttenwirt holen wir uns den STF-Fjällstuga Stempel ab und ohne Pause geht es weiter.


Singistugorna

Der zweite Pass der Tour liegt vor uns. Um raus aus dem Tal Tjäktjavagge und rüber ins Láddjuvággi zu gelangen, geht es von 700 m ü. NN erst mal wieder rauf auf knapp 900 m. Oben angekommen empfangen uns ein paar herrliche kleine Seen und die steilen Bergflanken von Sinnjcohka (1.704 m) auf der Nordseite und Skárttoaivi (1.744m) im Süden. Der Pfad ist ein ständiges auf und ab. Hier oben entspringt der Bach Láddjuohka, der uns bis zum Ende der Wanderung übermorgen in Nikkaluokta begleiten wird.


auf dem Trail


Rast auf einer Wiese im Fjäll

Beim Abstieg nehme ich erst mal ein Bad im eiskalten Gebirgswasser und wir ruhen uns auf einer der herrlichen Bergwiesen unterhalb des Berges Tuolpagorni (Duolbagorni, 1.662 m) aus. Dieser hat ein sehr markantes Profil, denn sein Gipfel erinnert etwas an einen Vulkankrater. Riesige Geröllfelder haben sich am Bergfuß gesammelt. Der Prozess der Verwitterung von Gestein ist sehr anschaulich nachvollziehbar. Auf der Bergflanke gegenüber ist wie ein dünner Faden der Auf-, Abstiegsweg zum Kebnekaise zusehen. Das Tal wird immer breiter und der Weg ist bequem zu laufen.
Nun müsste doch bald die Fjällstation in Sichtweite kommen. Aber nur die Funkantenne ragt in einigen Kilometern Entfernung hinter einem Felsbuckel hervor. Unsere Annahme, dass nun jeden Moment die Fjällstation vor uns steht erfüllt sich leider nicht so schnell. Der Pfad wird noch mal richtig anstrengend. Zunächst kommt ein gut überquerbarer felsiger Bergrücken und gleich dahinter ein steiler Abstieg zum Wildbach Giebmejohka mit einer Hängebrücke. Es folgen auf den letzten zwei Kilometern Geröllfelder und zahlreiche tiefe Erosionsrinnen.


Wildbach Giebmejohka

Entgegenkommende Wanderer, die nun immer zahlreicher werden je näher wir der Fjällstation kommen, wirken zum Teil noch ganz schön alltagsgestresst. Einige grüßen nicht, andere können es nicht abwarten, bis man eine schwierige Passage überwunden hat. Einer „rast“ ohne Rücksicht auf Verluste an uns vorbei. Nach 5 Tagen im Fjäll sind wir ziemlich relaxt und nehmen es den Gestressten nicht übel.
An der Kebnekaise Fjällstation ereilt uns so ein kleiner Kulturschock. Wo kommen denn nur die ganzen Menschen her? Die Mehrzahl sind offensichtlich „Kebnekaise-Gipfelstürmer“, dann natürlich Fjällwanderer, aber auch Kurzbesucher. Die Fjällstation bietet puren Luxus im Fjäll; WC, Dusche, Sauna, Küche, ein Restaurant, Gemeinschaftsraum, Shop, fast 200 Betten, einen Hubschrauberlandplatz und anders mehr.


Kebnekaise Fjällstation

 


"Zeigt her eure Schuhe."


Kallax Flyg AB unterhält ein Helicopter-Shuttel zwischen Nikkaluokta und Kebnekaise Fjällstation.

Nach dem wir unser Zelt aufgestellt und ausdauernd geduscht haben, geht es erst mal in den Gemeinschaftsraum. Dort sind schon ein Haufen Leute versammelt, die sich wohl zum großen Teil zu kennen scheinen. In den Gesprächen geht es fast nur um den Kebnekaise und ihre Gipfelsiege. An der Rezeption wird das Bier „Kungsleden“ ausgeschenkt. Mit 69 SEK hat der halbe Liter einen überaus deftigen Preis. Aber es schmeckt gut und die 5,3 % Alkohol machen uns auch angenehm beschwingt. Nach der Esseneinnahme in der Gemeinschaftsküche fallen wir tot müde ins Zelt und bis zum nächsten Morgen in einen erholsamen Schlaf.

 

6.  Tag (19 km, Kebnekaise Fjällstation – Nikkaluokta)


vor dem letzten Campabbau

Unseren letzten Wandertag beginnen wir mit einem herrlich abwechslungsreichen Frühstück im Restaurant der Fjällstation. Mittlerweile hat es doch tatsächlich angefangen zu regnen. Nach dem Aufbruch zur letzten Etappe kommen wir gleich zu Beginn in den Fjällbirkenwald, der uns bis zum Ende der Tour begleiten wird. Ehrlich gesagt ist der Trail ganz gut begangen und wir machen immer wieder Platz für Schnellläufer die an uns vorbei wollen. Die meisten scheinen das Boot am See Láddjujávri erreichen zu wollen, aber bis dahin sind es noch gute 10 km. Beim Blick zurück können wir noch einmal Abschied nehmen von der Bergwelt des Kebnekaise Massivs. Der Kratergipfel des Tuolpagorni (Duolbagorni) ist der markanteste von allen. Wir überholen eine Gruppe junger Leute. Ein Mädchen hat sich offensichtlich das Knie verletzt und kommt nur sehr langsam voran. Aber die Gemütsverfassung der Truppe lässt uns guter Hoffnung sein, dass sie das Ziel Nikkaluokta erreichen werden.


auf den letzten 19 km


Der Regen hat inzwischen aufgehört. Von weitem sehen wir, dass am Bootsanleger des Láddjujávri schon eine Menge Wanderer auf die nächste Abfahrt warten. Da wir ohnehin nicht vor hatten den „Weicheitransporter“ zu nutzen, machen wir nur eine kurze Pause und weiter geht's. Nach weiteren 3 km sind wir schon wieder am Zielpunkt des Bootes in Ladtjojaure. Hier gib es einen Fjäll-Imbiss, Rentierfleisch-Burger, Waffeln und andere Köstlichkeiten werden angeboten. Uns wird bewusst, die Zivilisation ist nicht mehr fern.

 


Hier gibt es Renburger, Vafflor ... .

Bis zum Ziel sind es nur noch schlappe 5 km, ein Klacks. Bald taucht die Kirchturmspitze von Nikkaluokta über den Fjällbirken auf. Wie von einem Magnet angezogen laufen wir auf den letzten Kilometern. Dann ein Schild „400 m Nikkaluokta“. Auf dem mit Rindenmulch angedeckten Weg ist das Laufen für uns mehr ein Schweben. Und dann stehen wir unterm Zieltor „Nikkaluokta“.
Wir haben es geschafft.

Am späten Nachmittag bringt uns der Bus nach Kiruna und nach 2 Stunden Aufenthalt geht es weiter zur Abisko Touriststation, wo unser Auto steht. Es ist bereits später Abend als wir dort ankommen. So ein richtiges Bett wäre in dieser Nacht einfach toll und so gönnen wir uns ein Doppelzimmer in der Abisko Mountainlodge. Von den Erlebnissen unserer Tour durchs lappländische Hochfjäll sind wir noch ganz aufgekratzt. Zur Feier des Tages wird eine Flasche Rotwein aufgemacht und bis nach Mitternacht erzählen wir mit gegenseitiger Begeisterung von unserer Wanderung. Eins ist sicher, von diesem kleinen Abenteuer werden wir noch Ewigkeiten zehren können.

 

(Touren)

 

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