Streifzüge durch Värmland
-Eine Paddeltour-

von Peter Peuker
Fotos: Karin Simke, Peter Peuker

 


Die Pfingstferien machten es dieses Jahr möglich, schon im Mai eine Woche in den Norden nach Schweden zu fahren.Wir können es gar nicht glauben, als wir nach ca. 900 Straßenkilometern und 2 Fährpassagen am Samstag früh in Värmland eintreffen.


wieder "zu hause"

Heute ist der 10. Mai 2008, das Wetter könnte zu dieser Jahreszeit wohl besser nicht sein. Der Himmel ist schwedisch Blau, in der Sonne haben wir 20 °C und der Luftdruck steht bei 1016 hPa.


ganz tief durchatmen, endlich wieder in Schweden

Nach einem kurzen Abstecher ins Städtchen Årjäng zum Bankomaten und zur Touristinfo, die samstags leider geschlossen ist (wo wir uns eigentlich eine Naturvårdskortet kaufen wollten), sind wir 10:30 Uhr an der Einsetzstelle in Fölsbyn. Einsetzstelle? Ja, denn mit einer Paddeltour wollen wir den ersten Teil der Urlaubswoche abenteuerlich erleben. Darum hatten wir auch vor, in der Touristinfo eine Naturvårdskortet zu erwerben. Dies ist so eine Art „Benutzerkarte“ für Paddler, berechtigt zur Nutzung der zahlreichen Lagerplätze mit Windschutzen, Feuerstellen, Feuerholz und Plumpsklo. In Årjäng dachte ein Schwede ich sei Norweger, nachdem ich mich bei ihm nach der Touriinfo erkundigte und nun unterhalte ich mich in Fölsbyn mit einem Norweger mit meinem Wald-und-Wiesen-Schwedisch, als ich ihn nach einer Parkmöglichkeit für unser Auto konsultiere. In dieser Gegend trifft man auf viele Norweger, denn die Grenze ist sehr nah und in Schweden ist manches offensichtlich um einiges billiger als in Norwegen.


an der Einsetzstelle in Fölsbyn


Von der Fölsbynviken legt unser beladenes Kanu um 11:00 Uhr mit uns ab. Von Karin habe ich mich dazu überreden lassen, einen Rolltisch und zwei Faltstühle auf die Tour mit zu nehmen. Mein Sträuben half überhaupt nichts, das Zeug musste mit. War ja auch eigentlich kein Problem, denn unser 17,6 Fuß (5,33 m) langer Kanadier bietet auch dafür noch Platz.


Aufbruch, die Tour beginnt auf dem Stora Le (der kleine Stora Le)

Nach 6 Paddelkilometern errichteten wir unser Camp an einem herrlichen Plätzchen auf der Insel Bockön im See Stora Le (nicht verwechseln mit dem großen Stora Le nördlich von Ed, der ganz in der Nähe liegt). Auf der Insel sind einige ganz brauchbare Stellplätze für Zelte zu finden, auch für unsere Kåta, die ein bisschen mehr Platz benötigt. Weiterhin gibt es 2 Feuerstellen, incl. Feuerholz, einen Windschutz und ein Plumpsklo.


Vegetation auf Bockön

 


Bockön

 


angekommen, das Camp ist eingerichtet

 


wenn das Wetter mal "lausig" werden sollte, Windschutz mit Feuerstelle


Die Natur ist hier etwa 2 Wochen gegenüber von zu Hause in Deutschland zurück. Die Zitterpappeln haben noch nicht ausgetrieben, aber die Birken strahlen schon im herrlichsten Maiengrün. Aber nur in weinigen Tagen wird die Natur hier im Norden allen Rückstand aufgeholt haben. Überall blühen Buschwindröschen und die Blaubeeren zeigen jetzt schon ihre ab Mitte Juli zu erntenden Früchte.


das Buschwindröschen (Anemone nemorosa),
ein Frühlingsblüher auf humosen und feuchten Waldböden

 


die Blaubeere ( Vaccinium myrtillus ) zeigt maiengrüne Triebe und ihre
noch roten Beeren wollen in 8 - 10 Wochen als Blaubeeren geerntet werden


Wir lassen uns Knoblauchstullen und schwedisches Bier (Norrlands Guld) schmecken, atmen ganz, ganz tief durch und beratschlagen das Paddelprogramm der nächsten Tage. Eigentlich hatten wir ja eine Gepäcktour mit drei Portagen geplant, aber hier auf dieser Insel mit dem weit verzweigten Seensystem, das unzählige Buchten, Inseln sowie Verbindungen zu anderen Gewässern bietet, gefällt es uns so gut, dass wir beschließen, die Insel als Basislager beizubehalten. Den Abend begehen wir zünftig mit einem Lagerfeuer.


Lagerfeuerromantik und das auch noch jeden Abend, kaum auszuhalten

 

Gewohnheitsmäßig wache ich am Morgen um 5:00 Uhr auf. Nein, ich muss nicht arbeiten, aber trotzdem muss ich mal raus aus dem Schlafsack und dem Zelt. Die Sonne strahlt schon kurz über dem Horizont und Nebel liegt auf dem spiegelglatten See. Ein Motiv, das Fotographenherzen höher schlagen lässt.


es ist kalt, Nebel liegt über dem Stora Le und die Sonne steigt am Horizont empor

 

 



Die dunkle Nacht sie ist verschwunden (Morgenlied)
(Hoffmann von Fallersleben, 1873 )

Die dunkle Nacht, sie ist verschwunden,
Verschwunden ist das bange Leid;
Es mahnen euch die heitern Stunden,
Dass ihr wie sie auch heiter seid.
Bei diesem schönen Sonnenschein,
Wer möchte da nicht fröhlich sein!

Seh' ich, wie sich die Vögel schwingen
Mit Sang empor zum Himmelszelt.
Dann möcht' ich auch mit ihnen singen
Und grüßen rings die liebe Welt.
Bei diesem schönen Sonnenschein,
Wer möchte da nicht fröhlich sein!

 O freut euch des, was Gott verliehen,
Vergesst das Gut' im Leben nie,
Und wenn die hellen Stunden fliehen,
So denket, unser waren sie!
Drum lasst beim schönen Sonnenschein
Uns heut' und immer fröhlich sein!

 



Der Morgen
(Joseph von Eichendorff)

Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hügel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

Und sein Hütlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun, so will ich fröhlich singen!

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut;
Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht macht's wieder gut.


Morgenstimmung im Camp

 

 


eine friedliche Stimmung, nur das Rufen der Kanadagänse erklingt über dem See

 

 


Ruhe

Nachdem ich sowohl die körperlichen als auch die geistigen Bedürfnisse befriedigt habe, heize ich die Kåta an, denn es ist wirklich ganz schön frisch und schlafe noch mal für ein paar „Augenblicke“ ein. Den Vormittag verbringen wir mit Sonnenbaden und lesen. Das Buch von Robert Crottet „Am Rand der Tundra“ zieht mich ganz in seinen Bann. Wie kann es auch anders sein, bei der mich umgebenden Landschaft und bei diesem Wetter? Der Wind hat ziemlich aufgefrischt, bläst kräftig und beständig aus West. Es ist schon erstaunlich wie in kurzer Zeit der Wind hier im Norden seine Richtung und Energie wechselt.


am Morgen im Camp


Am Nachmittag brechen wir zur Erkundung des Nordteils des Stora Le auf. Auch hier befinden sich zahlreiche schmale Buchten mit zum Teil felsigen Ufern und ein kleiner Schärengarten.


unterwegs auf dem Stora Le

Vor der Insel Ön („Die Insel“) kommen wir zu einer unerwarteten Biberbeobachtung. Vor unserem Kanu schwimmt der Biber ein Stück, taucht unter, um sich dann in einiger Entfernung wieder zu zeigen. Beim Abttauchen klatscht er jedesmal mit seinem breiten Schwanz auf die Wasseroberfläche. Seine Tauchbahn verraten aufsteigende Luftblasen. Das geht so eine ganze Weile, bis wir beiderseits beschließen genug von einander gesehen zu haben und jeder des Weges zieht.


da, ein Biber

 


Biber voraus

 


der Biber taucht ab

 


Biber ( Castor fiber )


Am späten Nachmittag ziehen Wolken auf, schneller Luftdruckabfall, der Wind bläst weiter und bei mir stellen sich beständige Kopfschmerzen ein. Karins heilende Hände und eine Tablette besiegen die Kopfschmerzen. Am Abend lässt dann auch der Wind wieder nach. Überm Lagerfeuer werden Würstchen gegrillt. Gegen 21:30 Uhr verabschiedet sich die Sonne mit einem schönen Untergangsszenario.


Abendstimmung

 

Nach frischer oder besser gesagt kalter Nacht, weckt uns am Morgen wieder eine steife Briese, die diesmal beständig aus Nord weht. Da es erst 07:00 Uhr und der Himmel ohne Wolken ist, besteht berechtigte Hoffnung, dass die Temperaturen noch deutlich ansteigen werden.
Die im Norden häufig recht heftig wehenden Winde sind ja nicht gerade des Paddlers Freunde. Aber man muss sich zwangsläufig damit abfinden bzw. darauf einstellen. Der Wellengang erschwert das Paddeln, der Wind kühlt aus und manchmal wird dessen Beständigkeit auch zur Nervenprobe. Problematisch wird es aber erst, wenn man sich nicht darauf vorbreitet, z.B. durch entsprechende Kleidung oder man Gefahren unterschätzt und z.B. weite offene Wasserflächen bei stärkerem Wellengang befährt.
Beim Frühstück begrüßt uns wie bisher an jedem Morgen ein Buchfink mit seinem Rufen: „bitte-bitte-bitte-bitte-komm-doch-mal-schnell-her-zu-mir“. Die Morgenwäsche im noch ziemlich eisigen See treibt uns nochmal ins Zelt, wo wir den Ofen anheizen und es uns in den Schlafsäcken richtig gemütlich machen.
Auch an diesem Tag soll das Paddeln nicht zu kurz kommen und so brechen wir gegen Mittag zu einer längeren Tour Richtung Süden auf. Der Stora Le ist in diesem Teil relativ schmal und es paddelt sich ganz angenehm. Am Ufer stehen nur noch ganz vereinzelt Stugas, die Ferienhäuser der Schweden. Zwischen ein paar größeren Inseln geht es vorbei an den Halbinseln Kalvnäset und Gröndalsnäset und wir gelangen in den Flötefjorden. Dieser besitzt schon eine deutlich größere offene Wasserfläche als der Stora Le. Am teilweise hohen und felsigen Ufer paddeln wir nach Norden hinein in die Björndalsviken. Dort sind die Aktivitäten von Meister Bockert, dem Biber, unübersehbar. Überall liegen von ihm gefällte Bäume im Wasser und am Ufer erhebt sich seine gewaltige Trutzburg. Am Ende der Bucht steht eine etwa 80 m lange Umtragung in den See Stocketjärnen an, dessen Ostufer steil aufragende Felsen besitzt.


am Flötefjorden

 


eine mächtige Biberburg


Auf skandinavischen Seen muss man schön Ausschau nach Steinen halten, die kurz oberhalb oder kurz unterhalb des Wasserspiegels liegen. Nicht selten kommen solche Steine auch im größeren Abstand vom Ufer vor. Aber nicht immer ist man auch aufmerksam genug. Und so passiert es uns dann, mit einem Rumsen und einem unangenehmen am Bootskörper schabenden Geräusch fahren wir auf einen solchen Stein auf und werden von unseren Bewunderungsblicken für die Landschaft erweckt. Das Ganze geht aber noch mal für das Boot und uns gut ab, bis auf ein paar bleibende Schrammen am Unterschiff des Bootskörpers. Wie heißt es doch so treffend: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne.“


Prachttaucher ( Gavia arctica )
(hier könnt Ihr Prachttaucher hören)

 

Auf der Westseite des Stocketjärnen gelangen wir über einen Brückendurchlass in die Båtstadsviken. Diese Bucht gehört zum großen Foxen. Auf einem Steg am Ufer sitzt ein Ehepaar in der Sonne, die wir mit unserer Bitte um Füllung unseres Trinkwasserbehälters in ihrem Ruhezustand stören. Nur leider verstehen sie unser Schwedisch überhaupt nicht. Bis wir zu der Feststellung kommen, dass sich Deutsche doch am besten auf Deutsch verständigen können. Ja, solche Situationen passieren Schwedenfahrern doch hin und wieder einmal.
Nach 1,5 km öffnet sich vor uns die weite Wasserfläche des Foxen. Der Foxen ist ein riesiger See. Nahezu 20 km lang und an der breitesten Stelle misst er 4 km. Im Süden geht er in den Stora Le über und beide Seen zusammen haben eine Länge von sage und schreibe 70 km. So groß der Foxen ist, so schön ist er auch. Eingebettet in sanft hügliger Landschaft von Wald umstanden glitzert er in der Sonne. Auf der Westseite sind in der Ferne auch Wiesen erkennbar.


auf dem Foxen

Der Foxen ist aber auch ein See, dem der Paddler die nötige Achtung gegenüber gewähren muss. Wehe dem, der respektlos und leichtsinnig diesen See gegenübertritt und auf ihm von Unwetter oder Sturm überrascht wird.
Dicht am Ostufer haltend zieht unser Kanu seine Bahn nach Süden. Abgerundete Felsen und Kiefernwald bilden das Landschaftsbild. Hier und da steht eine Stuga. Wir sehen keine Menschen, auch auf dem See ist kein Boot unterwegs. Die Weite des Sees macht das Paddeln zum Ausdauersport, denn irgendwie entsteht einerseits der Eindruck nicht so richtig vorwärts zu kommen, aber andererseits noch einen weiten Weg vor sich zu haben. Die Sonne brennt uns ins Gesicht, jedoch spendet der leichte Wind die nötige Kühlung, um nicht ins Schwitzen zu geraten. Für einen sich fast unbemerkt einstellenden Sonnenbrand also ein ideales Wetter. Jedenfalls sehe ich am Ende der 4 Paddeltage im Gesicht wie ein alter Atlantikfischer aus. Von Wind und Wetter gezeichnet, faltig und gegerbt.
Nach einigen Kilometern gelangen wir zur Einfahrt in den Flötefjorden. Von weitem ist diese durch entsprechende grüne und rote Seezeichen markiert. Im Südteil umpaddeln wir die Insel Lövön. Noch ein Stück weiter in der Skomsnäsviken befindet sich ein Vogelschutzgebiet. Auf unserem Heimatsee, dem Stora Le, sind es jetzt noch 4 km bis nach Hause. Die werden noch mal ganz schön lang, denn mittlerweile melden sich nun doch unsere untrainierten und müden Paddelmuskeln. Einen kurzen Snack halten wir mit einem Norweger der mit seiner Frau auf einer kleinen Insel campt. Ein bisschen schwedisch, englisch und deutsch. Man versteht sich gut. Er findet Berlin ganz toll und wir meinen, dass da in Berlin ganz doll viele Menschen sind. Für uns viel zu viele. Oslo ist jedenfalls auch sehr schön.
Nach guten 20 km Paddeltour kommen wir auf unserer Insel um 19:00 Uhr an. Der Tag wird mit Knacker, Waldpilzsuppe, Stulle, Rotwein und einem Lagerfeuer würdig beendet. Wir werden bestimmt gut schlafen.


am Abend nach der Tour

 

Die Temperaturen waren in der Nacht eindeutig im Nullbereich oder wahrscheinlich noch etwas darunter. Jedenfalls muss der Ofen am Morgen erst mal wieder für das notwendige Wohlbefinden durch Wärmestrahlung sorgen. Das Aufstehen wird so viel angenehmer. Zur Abwechslung weht der Wind heute mal aus Süden und die Sonne lacht. Unser Eiland ist uns in den letzten Tagen so richtig ans Herz gewachsen und wir haben schon fast ein Heimatgefühl entwickelt. Der Aufbruch fällt uns deshalb gar nicht so leicht, aber die neuen kommenden Abenteuer locken uns dann doch fort. Schnell ist das Camp abgebaut, das Kanu beladen und wir paddeln zurück nach Fölsbyn zu unserem Auto.


Ende der Tour und Aufbruch zu neuen Erlebnissen

Unsere nächste Station ist der wundervolle Glaskogen, aber das ist dann schon wieder eine neue Geschichte.

 

Infokasten

  • Tourenkarte


(Klick zum vergrößern)

  • topografische Karte: TERRÄNGKARTAN, 597 Årjäng , 1:50.000
  • Tourenlänge: ca. 40 km
  • beste Reisezeiten: Mai/Juni und Ende August/September, in den Schulferien nicht unbedingt empfehlenswert für diejenegen, die es etwas ruhiger mögen, dort sind dann nämlich sehr viele Paddler/Paddelgruppen unterwegs
  • Wetter: von über bis ist alles ist möglich. Infos gibt es zum Wetter hier oder hier.
  • open canoe/Kanadier: Tourenkanadier 17'6'' (5,33 m), Modell: Northwind von Bell
  • Zelt: Kåta, beheizbares Feuerzelt, Modell: Varrie 7 von Tentipi
  • Mobilfunknetz: guter Empfang
  • Dokumente: Erwerb der Naturvårdskortet notwendig, z.B. in der Touristinfo von Årjäng

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