von Peter Peuker

Paddelpause

Das im Osten Brandenburgs liegende Niederoderbruch, ist eine interessante und reizvolle Landschaft. Eiszeitliche Höhenlagen rahmen das Bruch ein. Im Süden und Westen erstreckt sich das Barnimplateau, der Neuenhagener Sporn im Osten und im Norden erheben sich der Lieper und der Oderberger Endmoränenbogen. Das Bruch selbst liegt nur 2 bis 3 m über NN, aber die Höhendifferenz zum Barnimplateau, mit seinen steilen Hängen, beträgt über 100m.
Ein weit verzweigtes Entwässerungssystem durchzieht die Landschaft. Fruchtbare Böden wurden dadurch für die Acker- sowie Wiesen- und Weidewirtschaft nutzbar gemacht.
Von unserem Wohnort liegt das Niederoderbruch nur eine ¾ Autostunde entfernt und ist somit ein lohnendes Ziel für eine Tagespaddeltour.
1Wir starten mit Kanu, Hund und Tagesgepäck im Kurort Bad Freienwalde. Auf dem Freienwalder Landgraben und der Alten Oder wollen wir das Örtchen Oderberg erreichen. Beim Wort „Landgraben“, ist man unter Umständen verleitet an einen kanalartigen, geraden und verbauten Gewässerverlauf zu denken. Jedoch findet man ein sich durch die Ebene windenden, von Bruch- und Auwaldgehölzen umsäumten, Kleinfluss vor. Nachdem wir nach einigen hundert Metern Paddelstrecke die Ortslage von Bad Freienwalde verlassen haben, sind wir allein auf dem unverbauten und von den in herbstlicher Farbenpracht leuchtenden Ufergehölzen eingerahmten Gewässer.
Dieser goldene Herbst verwöhnt uns schon seit Tagen mit warmen Temperaturen und blauem Himmel. Es ist Indian Summer.2 Eine Vielzahl von Wasservögeln begeleitet uns. Kommen wir ihnen näher fliegen sie aufgescheucht einige Meter vor uns her, landen wieder und die ganze Prozedur geht erneut von statten. In Erstaunen versetzen uns die in ihrem leuchtend blauen Federkleid über das Wasser hin und her huschenden Eisvögel. Urplötzlich geht unser Rauhaarteckel Dark über Bord. Sein Jagdinstinkt verlieh ihm wohl Flügel, aber die Ernüchterung beim Tauchgang im schon herbstlich kalten Wasser kam prompt. Dackel haben bekannter weise einen besonderen Hundecharakter und Selbstüberschätzung gehört eben auch dazu.
Bei der anschließenden Zwangspause zur Hundetrocknung sind am Horizont die in diesiger Mittagsluft liegenden bewaldeten Hänge des Barnimplateaus bei Bad Freienwalde und Falkenberg zusehen. Davor liegt Weideland, aufgelockert durch Gebüsche aus Bruch- und Auwaldgehölzen sowie die sich markant hervorhebenden Kopfweiden. Im Herbstwind rauschen die leuchtend gelben Blätter der Pappeln, die einen schönen Kontrast zum blauen Himmel bilden. Wir paddeln weiter. Am Ufer stehen alte Biberbäume. Die Anwesenheit der Biber ist in diesem Gewässerteil wohl schon eine Weile her. Ein paar Paddelkilometer weiter werden wir auf frische Spuren der Nager stoßen. Häufig queren Wildwechsel das Gewässer. Die abwechslungsreiche von Gehölzgruppen und Schilfpartien durchzogene Landschaft bietet sicherlich gute Tageseinstände für das Wild. Als Jäger beobachte ich mein Umfeld eben auch aus dieser Perspektive. Wenig später schwimmt im Wasser ein Wildschweinkadaver. Was wohl zum Tod des Schwarzkittels geführt hat?
3Vor uns taucht die Reiherbusch-Brücke auf. Wie alt mag diese Brücke sein? Die tragenden Bauteile sind aus Holz und verleihen ihr eine besondere Charakteristik. Bei einem kurzen Landgang ist auf einem Schild zu lesen, dass hier die Rastplätze zahlreicher Zugvögel aus dem Norden und Osten Europas liegen. Kurz hinter der Brücke finden wir ein windgeschütztes Plätzen, um erstmal zu biwakieren und es gibt ein auf dem Multistove gekochtes Süppchen und Brot.
Dark begibt sich vor uns in Position und rollt ziemlich ausdauernd mit seinen braunen Dackelaugen. Er setzt sich mit dieser Bettelei gut in Szene und ist ein erfolgreicher Futterneider. Die Sonne meint es wirklich gut und wir werden von einer gewissen Schläfrigkeit befallen. Da aber noch einige Kilometer vor uns liegen, wird die Müdigkeit durch Aktivität vertrieben.
Der Weg bis zur Reiherbusch Brücke ist nicht weit und wir gehen zurück und erkunden das dortige Umfeld. 4
Auf der anderen Uferseite hat man einen weiten freien Blick in die Landschaft bis zum Lieper Endmoränenbogen. In ca. 4 km Entfernung ist am Horizont das Schiffshebewerk Niederfinow zu sehen. Dort überwinden Binnenschiffe und Sportboote in einer Art wassergefülltem Fahrstuhl den Höhenunterschied von 36 m, um die Weiterfahrt auf dem Oder-Havel-Kanal fortzusetzen. Dieses von 1926 – 1933 erbaute technische Denkmal ist ein Symbol deutscher Ingenieurbaukunst.
Laut Karte und Kartenmesser werden wir in ca. 2 km die Mündung in die Alte Oder erreichen. Das Wasser des Freienwalder Landgrabens ist sehr klar. Wir können Unterwasserpflanzen und Fischschwärme vom Kanadier aus sehr gut beobachten. An der Mündung in die Alte Oder steht ein ausgebranntes, aber dennoch relativ gut erhaltenes Gehöft. In unserer Phantasie planen wir hier eine Kanu- und Touristenstation. Der Standort wäre jedenfalls dafür super geeignet. Paddler können von hier aus durch den Oder-Havel-Kanal, über die nördlichen Brandenburger Gewässer, bis in die Mecklenburger Seenplatte oder auf der Stromoder bis zur Ostsee gelangen. Auch Rundtouren mit machbaren Portagen über Alte Oder, Stille Oder, Mucker und Stromoder sind von hier aus möglich.
5Die Alte Oder ist merklich breiter und das Wasser vom Sediment aus dem Oderbruch trüber. Der Kirchturm von Bralitz begleitet uns, als würden wir ihn umrunden. In einem Bogen von annähernd 180° umwindet hier die Alte Oder beginnend bei Schiffmühle den Neuenhagener Sporn. Bald passieren wir die Brücke von Bralitz nach Liepe und die ersten Stege und Bootshäuser. Am rechten Ufer befindet sich ein Sägewerk. Die mächtigen dort lagernden Holzstämme werden zum Schutz vor Bläuepilzen beregnet. Der Luftgehalt im Holz soll durch das Wasser gesenkt werden, um den Pilzen so schlechte Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Vor 20 Jahren war ich als junger Forstwirt mit einem Kollegen in diesem Sägewerk. Wir lieferten dort eine LKW-Ladung Eichensägeholz ab.6
Am linken Ufer entdecken wir frische Biberbäume. Einige sind schon ziemlich stark benagt und stehen kurz vor dem Umsturz.
Das Ziel Oderberg ist nah. Wir sehen vor uns schon die Hänge der von Gletschern abgelagerten Oderberger Endmoräne. Auf ihrem Weg nach Norden kommt die Alte Oder an diesem Hindernis nicht vorbei und muss hier nach Osten fließen. Der Oder-Havel-Kanal zweigt vor Oderberg nach links in Richtung Westen ab. Uns begegnen polnische Binnenschiffe, die von der Schleuse Hohensaaten kommen und in Richtung des Schiffshebewerkes Niederfinow fahren. Die Bugwellen der Binnenschiffe sind harmlos gegen die mancher Motorsportboote, denen wir auf den Seen Mecklenburgs begegnet sind. Nur noch einige hundert Paddelmeter und wir sind am Ziel. Direkt hinter dem Radschaufeldampfer „Riesa“ des Oderberger Schifffahrtsmuseums befindet sich eine Kanustation. Dort legen wir eine kurze Pause ein und organisieren unseren Rücktransport.

14 Paddelkilometer auf dem Freienwalder Landgraben und der Alten Oder liegen hinter uns. Die Tour führte durch eine abwechslungsreiche Landschaft und Natur. Paddeltechnisch gibt es keine Schwierigkeiten. Die Strömung ist minimal, so dass die Tour auch in umgekehrter Richtung problemlos machbar ist.
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Die Gewässerbreite variiert zwischen 5 und 15 m auf dem Freienwalder Landgraben und bis zu 50 m auf der Alten Oder. Der Frühling und der Herbst sind die besten Zeiten für eine Paddeltour in dieser Landschaft. Gerade im Frühling ist das Oderbruch besonders reizvoll. Ein geeigneter Startpunkt ist Bad Freienwalde. Dort gibt es einen öffentlichen und gebührenfreien Parkplatz, wenn man den Ort in Richtung Falkenberg/Eberwalde verlässt. Der Parkplatz befindet sich direkt am Wasser mit einer Einsetzstelle. Während unserer Tour sind wir 2 oder 3 Paddelbooten begegnet. Mit Motorbootverkehr ist erst auf der Alten Oder zu rechnen. Geeignet Plätze zum biwakieren sind in ausreichender Zahl vorhanden. In Oderberg gibt es eine Kanustation (www.kanu.barnim.de). Dort ist ein idealer Zielpunkt wo man problemlos den Rücktransport von Paddlern und Booten nach Bad Freienwalde organisieren kann. Ein kleiner Wasserwanderrastplatz mit Sanitärausstattung, überdachtem Sitzplatz und Feuerstelle gibt es am Nordufer der Alten Oder in Oderberg. Auskünfte und Schlüssel erhält man in der Kanustation.

(Touren)