von Peter Peuker

Dieser Winter hat seinen Namen wirklich nicht verdient. Seit Wochen bewegen sich die Temperaturen deutlich über 0° C. Zum Teil stiegen sie sogar bis in den zweistelligen Bereich an. Schon sehr zeitig im Frühjahr blühen im Revier Haselnuss, Erle und die Krokusse im Garten.

Im Herbst trugen die Eichen ordentlich Früchte. In der Weidmannssprache nennen wir das „Eichelmast“. Und diese Eichelmast in Verbindung mit den milden Temperaturen bieten dem Schwarzwild schon fast paradiesische Äsungsbedingungen. Ende Dezember haben viele Frischlinge Gewichte von deutlich über 35 kg erreicht. Im kalten und schneereichen Winter vom vergangenen Jahr sah es völlig anders aus. Schnee und Frost von Weihnachten bis Ende März, der Waldboden war tief gefroren und im Herbst gab es kaum Eicheln. Da hatten die Schwarzkittel echte Notzeit. Damals habe ich im Februar einen Frischling erlegt, der aufgebrochen nur 14 kg gewogen hat.

Winterjagd, dazu gehören Schnee und Frost. Schnee ist ein guter Jagdgehilfe, das Wild hinterlässt in ihm deutliche und verfolgbare Spuren.


Treffpunkt an unserer Jagdhütte und Trapperlodge

Endlich, Ende Januar beschert uns feuchte Kaltluft aus dem Norden mit einem anschließendem Zwischenhoch 10 cm Schnee, Frost, blauen Himmel und Sonnenschein.

Am Samstagvormittag bin ich mit meinem Neffen Alexander verabredet. Er ist ein junger und passionierter Jäger. Vor Jahren, als ich ihn während der Brunftzeit des Rotwildes zur Jagd mitnahm, haben bei ihm die Erlebnisse dieses Jagdtages erstmals die Leidenschaft für das Weidwerk geweckt. Uns begleitet heute meine 15 Monate alte Westsibirische Laika Dascha. Sie befindet sich jedoch noch in der Ausbildung und somit erst am Anfang ihrer Jagdhundelaufbahn.


Aufbruch zur Jagd


Dascha - eine Westsibirische Laika

Das Jagdrevier liegt vor meiner Haustür, in einer wald- und seenreichen Landschaft Ostbrandenburgs. Der Herrensee mit seinen angrenzenden Wald-, Bruch-, Schilf- und Wiesenflächen bildet eine abwechslungsreiche von der letzten Eiszeit geformten Landschaft, deren unter Naturschutzstellung nicht ohne Grund in den nächsten Jahren geplant ist. Die Hauptbaumart im Revier ist die Kiefer, doch durch Naturverjüngungen und Waldumbaumaßnahmen kommen mittlerweile zahlreiche andere Gehölzarten wie Buchen, Ahorne, Eichen, Linden, Douglasien und Fichten großflächig vor.


Fährten im Schnee

Im Revier angekommen wollen wir zunächst die uns bekannten Tageseinstände der Wildschweine nach Fährten absuchen, um zu sehen wo die Schwarzkittel in der Nacht und den Morgenstunden entlang gewechselt sind. Der Schnee wird uns dafür die eindeutigen Beweise liefern. „Mensch, so ein Mist. Ich habe die Hundeleine zu Hause vergessen.“ stelle ich fest als wir aus dem Auto steigen und darum muss Dascha erstmal drin sitzen bleiben. Schon auf den ersten 100 m unserer Suche stoßen wir auf die Fährten einer Rotte. Sie sind in ein Kiefernaltholz gezogen, das mit Rotbuchen sowie Douglasien unterbaut und mit zahlreichen Fichten aufgelockert ist. Der nächtliche Streifzug der Sauen durchs Revier ist nun nicht mehr unerkannt, denn dort unter den Fichten werden sie vermutlich ihren Schlafkessel eingerichtet haben. Nach den Fährten im Schnee zu urteilen besteht die Rotte aus einer Bache mit 4 Frischlingen. Jetzt gilt es die „richtige“ Jagdstrategie zu finden, um beim Aufspüren der Schwarzkittel zum Erfolg zu kommen.

Wildschweine verfügen über ausgesprochen gute Sinnesleistungen. Zwar sollen sie nicht so gut sehen können, aber dafür ist ihr Hör- und Geruchssinn umso besser. Und oft ist es so, dass bevor der Jäger in ihre Nähe gelangt, sie ihn schon lange vorher wahrgenommen und sich klamm heimlich auf und davon gemacht haben. So ist es auch dieses mal. Wir finden nur noch die leeren Kessel und die frischen Fluchtfährten vor. In meiner Jagdpraxis habe ich schon sehr oft die Erfahrung gemacht, dass es sich in solchen Situationen lohnt, der Rotte im Schnee nachzugehen. Und so ist es auch diesmal. Nach kurzer Verfolgung der Fährten sehen wir die Rotte 200m vor uns. Gerade wechselt sie in einen mit Rotbuchen unterbauten Kiefernbestand. Auf den dort vorsorglich angelegten Rückeschneisen pirschen wir jeder auf einer parallel zu einander vorwärts. Der Wind steht günstig für uns. Das Rascheln des trockenen Buchenlaubes verrät, dass wir ihnen dicht auf den Färsen sind. Sehr dicht, bis auf 25 m kommen wir an die Sauen heran. Ab und zu können wir kurz ihre Körper wie Schatten zwischen den Bäumen erblicken.


vor den Sauen im Buchenunterbau

Die Bache ist jedoch viel zu erfahren und macht natürlich nicht den Fehler und wechselt mit den Frischlingen über eine der Schneisen auf denen wir uns befinden. Nein, sie bleibt immer in der sicheren Deckung des jungen Baumbestandes. Auf den zahlreich vorhandenen Quergassen haben Alexander und ich immer wieder Blickkontakt, können uns mit Zeichen verständigen und orientieren wo der andere sich jeweils befindet. Als die Rotte und wir fast am Ende des Buchenunterbaus angelangt sind, geht die Sache retour. Die Sauen in der Deckung der Bäume wir auf den Schneisen. Nun bekommt die Bache voll unsere Witterung mit und die ganze Fuhre geht in hoher Flucht rauschend durch den Busch von dannen.

Der Jäger muss bei der Ausführung seines Handwerks insbesondere über Geduld sowie Ausdauer verfügen. Deshalb geben wir noch nicht auf und verfolgen die Fährten im Schnee.

Im Winterwald begegnen uns einige Spaziergänger. Wir grüßen freundlich. Die Antwort kommt mit einem netten „Hallo Weidmänner“. Leider geht man nicht überall so freundlich miteinander um. In unsere Gesellschaft wird die Jagd gegenwärtig sehr kontrovers diskutiert. Ein paar Tage zuvor habe ich an einem Ansitzschirm den Aufkleber mit dem Slogan „Schafft die Jagd ab – Jäger sind Mörder“ gefunden.

Querfeldein geht's im Schnee auf der Fährte der Rotte weiter durch das Revier. Bis wir vor einer großen Kieferndickung stehen, einem beliebten Tageseinstand des Wildes. Wir sind uns ziemlich sicher, dass die Schwarzkittel nun in dieser Dickung stecken und nicht wieder ausgewechselt sind. Die Situation ist diesmal günstig für uns. Die Kiefern haben eine Höhe, dass man sich unter den Kronen zwar ducken muss, aber trotzdem ein gutes Sichtfeld zwischen den Baumreihen hat. Der pulvrige Schnee ermöglicht ein leises Fortbewegen. Zusätzlich „leuchtet“ der Schnee unter den dicht stehenden Bäumen alles gut aus und ein Wildkörper hebt sich gut vom hellen Hintergrund ab. Da wir schon ein eingespieltes Team sind, ist unsere Vorgehensweise schnell entschieden. Ich werde in die Dickung gehen, versuchen die Sauen anzupirschen bzw. locker zu machen. Ein Stückchen entfernt außerhalb, an einem nach unseren Erfahrungen von den Schwarzkitteln häufig genutzten Wechsel, wird Alexander in günstiger Position seinen Stand beziehen.

Gegen den Wind bewege ich mich langsam, sehr langsam vorwärts. Einige Verrenkungen fordern von mir die trockenen Äste, die noch an den jungen Kiefernstangen anhaften. Im Schnee sind überall frische Fährten der Frischlinge, die kreuz und quer durch die Reihen gelaufen sind und sich hier drin offensichtlich sicher fühlen. Immer wieder gehe ich in die Hocke, um Bewegungen zwischen den Bäumen wahrzunehmen. Da, ein leises Knacken trockener Zweige. Ich bleibe in der Hocke und lausche. Vor mir sehe ich eine Bewegung zwischen den Bäumen, dann höre ich es trappeln. Ganz dicht vor mir quer zu den Baumreihen, vielleicht 20 -25 m entfernt, müssen Sauen sein. Aber zu viele Baumstämme versperren noch die Sicht. Jetzt sehe ich sie. Ein großer dunkler Klumpen kommt vielleicht 6 oder 7 Baumreihen neben mir genau in meine Richtung gewechselt. Die Bache erscheint mir in diesem Augenblick ziemlich gewaltig und schwarz. Bestimmt an die 2 Zentner schwer. Keine 15 m von mir entfernt steht sie und sichert etwas unruhig, hat aber noch nicht soviel Wind von mir bekommen, um die Flucht anzutreten. Neben und hinter der Bache sind 4 Frischlinge, völlig unbekümmert. Im Knall bricht der Frischling zusammen und bleibt reglos vor mir liegen. Ich nehme noch wahr, wie die trockenen Äste bei der Flucht der Rotte um mich herum krachen. Da fällt auch aus Alexanders Richtung ein Schuss und der zweite Frischling liegt.


erfolgreiche Jagd


die Strecke ist gelegt

(Wald und Jagd)